|
Die Zensur der Qualität –
Vor einigen Monaten erschien ein Buch – ›Das verordnete Schweigen: Zensur von Fall zu Fall‹ – über die Geschichte der Zensur. Oder ging es doch um aktuelle Zensur? Gar um eine Neudefinition der Zensur? – Schwer zu sagen, denn von den Zensurmaßnahmen im Rahmen der sogenannten Corona-Epidemie oder gar im Dunstkreis von Meldestellen und Verfolgung von Texten, die zwar keine strafbaren, dafür aber unliebsame Meinungen vertreten, ist in dem Sammelband eher am Rande die Rede. Und eine Theorie über die Veränderungen des Begriffs der Zensur in der hiesigen Zeit, bringen die Autoren schon gar nicht mit. Dabei wäre sie, eine solche Theorie der Zensur, gerade im Zeitalter des Internet dringend geboten.
Wie Schweigen im Zeitalter von Internet und Sozialen Medien verordnet werden soll, hat der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Daniel Günther in der vergangenen Woche in einer Talkshow geradezu herzerfrischend offen beschrieben. Ja, er hat seinen Weg zu einer solchen Verordnung engagiert propagiert: »Das muss kommen«, tönte der politische Ziehsohn von Angela Merkel und meinte das Verbot von Sozialen Medien für Jugendliche unter 16 Jahren. Und natürlich will Günther die amerikanischen Tech-Konzerne »reglementieren«.
Wie die Zensur aussehen soll, das umriß der CDU-Politiker, recht klar. Nicht Majestäts- oder Politikerbeleidigung a la § 188 hat Günther im Visier; es geht ihm um etwas anderes, grundlegenderes. Als Günther sich über seine Parteikollegen echauffiert, die ständig über ihr Smartphone gebeugt im Internet hängen – »Selbst Abgeordnete unserer Fraktion, die gucken sich so einen Quatsch an« –, war das Stichwort gegeben: »Qualität«. Oder besser: Mangelnde Qualität. Er, Günther, »glaube auch, dass es innerhalb der Medien eine Diskussion darüber geben muss, welche Qualitätskriterien müssen Medien eigentlich auch erfüllen.« Trotz Meinungs- und Pressefreiheit, haben Medien viel Macht und daher »muss man eben auch bestimmte Qualitätskriterien einhalten«.
Klar, daß Ministerpräsident Günther sich, wenn auch unausgesprochen, selber zu jenen rechnet, die Qualität nicht nur erkennen, sondern ebenso liefern. Vermutlich zählt er sich, wie so viele aus Politik und Medien, zu den sogenannten Gebildeten. Sie dünken sich weit über dem gemeinen Volk in Eckkneipen und Sozialen Medien und glauben an ein Recht, den Bürger erziehen zu dürfen. Zur Qualität, versteht sich.
Daß Günther im weiteren mangelnde Qualität beim politischen Gegner ausmacht, wird sicherlich niemanden wundern. »Wenn ich mir Nius-Artikel angucke, mit denen ich irgendwas zu tun habe, kann ich nur sagen, da stimmt in der Regel nichts drin. Das ist einfach vollkommen faktenfrei, was an der Stelle gemacht wird.« – Belege? – Auf die kann Herr Günther verzichten; er ist ja gebildet und in besagter Talk-Show muß er auch nicht liefern. Er sitzt unter seinesgleichen.
Die Masche ist immer dieselbe. Erst vor ein paar Tagen wies mich ein Bekannter darauf hin, daß Apollo-News aus einer Schülerzeitung hervorgeht. Also wurde aus dem Portal kurzerhand eine Schülerzeitung gemacht – unbeachtet der Tatsache, daß die Schülerzeiten der Redaktion bereits vor acht Jahren endeten und die Qualität der Beiträge zwar nicht immer tief, aber tiefer ist, als die in den meisten Texten in der ›taz‹ oder dem ›Spiegel‹; vom ÖRR erst gar nicht zu reden. Nichts desto trotz steht Schülerzeitung synonym für mangelhafte Qualität und dient daher in der Umkehrung rhetorisch der Qualitätssicherung. Schließlich kann man sich das Lesen einer Analyse anschließend sparen und gleich diffamieren.
Sicher – es läßt sich leicht nachweisen, wie schnell diese Gebildeten holden Unfug verbreiten. Der Bekannte schwafelte über Trump als Präsident, der den Rechtsstaat mißachtet – ein Narrativ der sogenannten seriösen Medien, das keiner Nachprüfung standhält. Und nicht das Einzige.
Die lächerlich einseitige Debatte der vergangenen Woche über den angeblichen Bruch des Völkerrechts bei der Inhaftierung von Maduro durch die USA wäre ein weiteres Beispiel. Mittlerweile posaunen die Medien der Gebildeten: Es ist ein Bruch des Völkerrechts. Nur können sie eben kein Urteil liefern, weil es nicht einmal eine Anklage gibt; und vermutlich ist der Gerichtsstand noch lange nicht geklärt. – Aber schön, daß wir mal drüber gesprochen haben; jetzt fühlen sie sich selber als Richter.
Und weil so viel Unsinn geschrieben wird, will Ministerpräsident Daniel Günther Günther Zensurmaßnahmen auf der Basis von Qualitätsstandards, die er selber setzt. Nun ist das Schöne an Standards, daß es so viele davon gibt, wie Andrew Tannebaum es einmal formulierte. Nach ›Nius‹ wird dann auch die Relotiuspresse verboten und das Wochenblatt mit den de facto gefälschten Photos aus Gaza; und in der ›Süddeutschen‹ und der ›taz‹ findet jeder Blindenhund auch ohne KI einen Bericht, der allen Qualitätskriterien spottet. – Sie werden dann eben gleichfalls verboten.
In diesen Sturzbach mangelhafter Qualität fiel dann allerdings auch Daniel Günther. Als er nach seinen Forderungen einer Zensur auf Basis von Qualitätsstandards gewarnt wird: »Wenn J.D. Vance das hört, haben wir morgen den nächsten Ärger«, antwortet Günther völlig faktenfrei und verschwörungstheoretisch: »Machen wir uns doch nichts vor – der steckt ja mit dahinter«.
Ein CDU-Politiker, der Zensur auf der Basis mangelnder Qualität im Internet fordert und Verschwörungstheorien verbreitet – das ist doch mal was. Es passiert vielleicht nicht selten. Aber selten so offenherzig. Oder will er sich in Zukunft selber verbieten, sobald er dummes Zeug ins Mikrophon spricht? Als eine neue Form der Selbstzensur?
Zensur über den Umweg der Qualitätssicherung! Das wäre mal ein Ansatz zu einer Theorie der Zensur. Wo früher die Beamten des Kaisers oder Stalins über Zensurmaßnahmen gegen mißliebige Kritik entschieden, entscheidet heute der vermeintlich oder wirklich Gebildete darüber, ob ein Text die Qualitätsstandards erfüllt – und falls nicht, ob er verboten werden sollte oder nicht.
Diese Zensur kommt daher wie ein ehernes Naturgesetz und überwindet den schlechten Nimbus, allein den Interessen der Mächtigen zu dienen. Sie, die Gebildeten, dienen der Wahrheit. Daß nur sie qualifiziert genug sind, die Qualität zu überwachen, steht dabei außer Frage. Wer denn sonst? – Es darf also nicht wundern, daß diese Forderungen von jenen erhoben werden, die aus dem Dunstkreis von Hochschulen stammen – Hochschulen, deren Qualitätsstandards mittlerweile lächerlich sind. Aber was solls: Einbildung ist bekanntlich auch eine Bildung. Suhrkamp-Kultur wurde das mal genannt.
Hier schließt sich der Kreis. All das Gendern und Canceln, die Anglizismen und Langzeitstudien führen zu einem selbstverständlichen Anspruch auf eine vermeintliche Qualität des eigenen Denkens und Handelns. Es suggeriert eine Art Komplexität im Denken, die Qualität automatisch zusichern kann. Wohlweislich vergessend, es gibt zwei Arten Dummheit: Die jener, die zu komplexen Denken unfähig sind und die jener, die komplex denken, wenn es unnötig ist und in die Irre führt. Beiden ist eigen, daß der Dumme seine Dummheit nicht bemerkt.
Deshalb sind Daniel Günther, all die grünen Minister und die 30 Prozent ihrer Wähler vom Glauben an die Qualität ihrer Äußerungen so tief erfüllt und sie können mit einer immer wieder bestechenden Attitüde auftreten: Hier stehen wir, die Gebildeten, dort die Populisten ohne Theorie. Und wir schaffen mit Qualitätsstandards die Grundlage für eine neue Form der Zensur. Damit wir den Ungebildeten vorschreiben können, was sie öffentlich machen dürfen und was nicht. Die Diktatur der Gebildeten. Wahrlich kein neues Konzept. Aber es wirkt. Zumindest auf die Gebildeten.
✉
|