Navid Kermani oder Der Schriftsteller als Ohrensesselsoldat –
Nach gängiger Lesart haben Schriftsteller das Recht, anders zu denken; weil sie Vertreter einer höheren Moral sind; weil sie freier denken als andere; weil sie wohl irgendwie als eine neue Art Schriftgelehrte offener sagen können, was richtig ist und was nicht. Und daher hört man ihnen, zumindest in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, aufmerksam zu.
Navid Kermani ist einer von ihnen. Weiter dient er als Philosoph, Reporter, Essayist, Publizist und habilitierter Orientalist in allen Gassen; was ihm den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels eingebracht hat. Und so kann die Süddeutsche Zeitung über ihn schreiben: »Deutschland hört zu, wenn Kermani den Mund aufmacht«.
Dieser Tage war das allerdings eher ein Zuhören müssen, denn Herr Kermani hielt die Rede zur Vereidigung neuer Rekruten der Bundeswehr. Da kann sich nun mal niemand die Ohren zuhalten, selbst wenn er wollte. Die jungen Männer und Frauen traten an; und die Rede, die sie hörten, zeigte den Schriftsteller von seiner anderen Seite.
Die Kunst der Nachdenklichkeit haben die meisten Schriftsteller in den letzten Jahrzehnten verlernt und durch einen Drang zur Politisierung ersetzt, falls sie überhaupt jemals nachgedacht haben. Figuren wie Grass oder Enzensberger haben sich durch Politisierung in Szene gesetzt. Die Nachdenklichkeit eines Franz Kafkas ging und geht ihnen vollkommen ab. Sie propagieren; sie sind Dichter im Sinn von dicht.
Und daher stehen sie nicht mehr für das »Why?« am Ende von Thomas Hardys »And There Was a Great Calm« vom Ende des Ersten Weltkriegs, als die Waffen endlich schwiegen. Sie stehen für ideologische Schulung; also eher für 1914, den Beginn des Krieges.
Navid Kermani ist einer von diesen. Er hält Sonntagsreden und diesmal eine zur Vereidigung von Rekruten und Rekrutinnen, wie er in endlosen Wiederholungen gendermäßig betont. Würde Herr Kermani nachdenklich sein, dann verwiese er die jungen Soldaten auf das abgrundtiefe Dilemma eines Soldaten, der den Charakter seines Tuns bedenkt und trotzdem handeln muß, der den unsinnigen Charakter eines Befehls ahnt und sich fragt: Was tun?; der den verbrecherischen Charakter eines Befehls erfaßt hat und sich fragt: Was kann ich tun, das nicht zu tun?
Weil Kermani aber nicht nachdenken will, überspringt er das Dilemma und bläst sich auf zum Völkerrechtler, der urteilt, daß die USA und Israel einen völkerrechtswidrigen Krieg führen; und daß, ginge es in den Streitkräften der USA und Israels zu wie im Kopf des Herrn Kermani, alle Soldaten der IDF und alle GIs den Befehl verweigern müßten. Und weil sie es nicht tun, so der unausgesprochene Vorwurf, stehen sie wohl auf einer Stufe mit jenen Soldaten der Wehrmacht, die ihrem Eid bis zum Kriegsende die Treue hielten.
Herr Kermani kennt kein Dilemma. Er kennt nur Recht und Ordnung; die sind schließlich im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland fest verankert. Und weil das so ist, kann er propagieren wie weiland die Feldgeistlichen, als sie das Töten segneten; nur treibt er nicht zum Gehorsam, sondern zur, wie er es nennt, »Tugend des Neinsagens« an, der Befehlsverweigerung.
Weiß Kermani nicht, daß Befehle nicht gegeben werden, weil sie sinnvoll sind, weil sie angemessen scheinen, weil sie in keinem Fall verbrecherisch sind? – Wären Befehle sinnvoll, angemessen und am Gesetz orientiert, dann braucht es keinen Befehl. Befehle werden erteilt, weil die geforderte Handlung dem Soldaten sinnlos, unangemessen oder gesetzlos erscheinen. Sie werden befolgt; der Soldat ist ihnen unterworfen.
Weil Kermani niemals über das Dilemma aller Soldaten nachgedacht hat, hat er eine klare Meinung; und so kann er den Rekruten sagen: »Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.« Wohlgemerkt: Eine Pflicht. Mit anderen Worten: Kermani erteilt den Soldaten den Befehl, Befehle nicht zu befolgen.
Welche Rede hätte Herr Kermani wohl vor israelischen Soldaten gehalten, die das Überleben des jüdischen Staates garantieren? Die den Befehl erhielten, die jüdischen Geiseln aus der Hand der Hamas zu befreien? Die sich in ihre Kampfjets setzen und unter Einsatz ihres Lebens 2.000 Kilometer ins Feindgebiet, der Heimat Kermanis, fliegen? Die dazu beitragen können, das islamo-faschistische Regime in Teheran zu stürzen, während Herr Kermani im Ohrensessel sitzt und Sonntagsreden hält?
Soviel ist sicher: Herr Kermani würde für Israel nicht zur Waffe greifen. Er hat auch für Deutschland niemals eine Waffe getragen. Und zur Befreiung des Iran, seiner Heimat, vom Mullahregime trägt Herr Kermani genau nichts bei. Und darf es auch nicht. Denn praktisch jede militärische Operation droht mit schwierigen Situationen, bei denen Kermani die Flinte ins Korn werfen würde, weil er sie für verwerflich erklärt. Gnade seinen Kameraden.
Dumm nur, daß Völkerrechtler genau das bezweifeln; für sie steht eben nicht eindeutig fest, daß die Angriffe Israels und der USA gegen das Mullah-Regime dem Völkerrecht widersprechen. Herr Kermani behauptet das zwar; nur ist es bloß seine Meinung. Andere sagen, Israel haben wegen der militärischen Unterstützung der Hamas durch den Iran seit Jahren jedes Recht, den Iran zu attackieren; weil der Iran die Auslöschung Israels rund um die Uhr propagiert. Ein Befehl zur Befehlsverweigerung ist daher eher kriminelles Gerede.
Als Ergänzung nennt Kermani indirekt mögliche Angriffe auf die Infrastruktur des Iran. Diese wären in den Augen Kermanis ebenfalls völkerrechtswidrig; und wiederum liegt er falsch. Vermutlich weiß er nicht, daß das Völkerrecht Angriffe gegen eine militärisch genutzte zivile Infrastruktur in jedem Fall deckt; wer sich in Krankenhäusern versteckt, dessen Versteck wird zum militärischen Ziel.
Zweimal liegt Kermani in seiner juristischen Einschätzung zumindest nicht eindeutig richtig. Und doch bekommt er Gelegenheit, seine Einschätzungen bei der Vereidigung von Rekruten der Bundeswehr zum Besten zu geben; stellt sich frech hin, rät Soldaten, den Befehl zu verweigern.
Und als Handreichung zur Beurteilung eines Befehls empfiehlt der Schriftsteller nicht etwa das Gewissen, sondern das Grundgesetz. »Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.«
Das liest sich herrlich eindeutig: Der Soldat in der Schlacht mit dem Grundgesetz in der Hand. Auslegungen gibt es nicht mehr, alles ist klar und eindeutig; Herr Kermani entscheidet. Hat dieser Mann denn so gar keine Ahnung, daß Gesetze ausgelegt werden? Daß sie eben nicht eindeutig sind, sondern am Ende mitunter das Gewissen entscheidet? Und selbst, wenn ein Urteil eines Richters existierte, muß das entsprechende Gericht überhaupt erst einmal anerkannt werden. Auch davon weiß Herr Kermani nichts. Er ist eben ein schnöder Demagoge.
Wie aber soll ein Soldat beurteilen, ob der Befehl zum Angriff befolgt werden soll? – Sicher nicht auf Grund von Gesetzen. Ihnen gilt es ja gerade, nicht zu gehorchen. – Nein, der Soldat hat nur sein Gewissen. Und was ihm fehlt, das ist der Beleg, der über sein Gewissen hinausgeht. Er muß Nachdenken können. Das war es, was Hannah Arendt immer betont hat und was sie zu der berühmten Rede von der Banalität des Bösen brachte; Eichmann hatte nie »nachgedacht«, war zu tieferem Nachdenken nicht fähig.
Navid Kermani denkt gleichfalls nicht nach, wenn er sich auf seine Karikatur von Grundgesetz beruft; als wäre das Grundgesetz der Koran, in dem der Gläubige Regeln vorfindet, die er befolgt. So reden Dummerchen und Islamisten.
Anders gesagt: Kermani entzieht sich der Komplexität einer Gewissensentscheidung, die sich dem Gesetz entgegensetzt; nicht zufällig nennt man sie Gewissensentscheidung. Er drückt sich und kaschiert seine Feigheit mit dem Gratismut des Schriftstellers, der eine von den Regierenden bestellte Sonntagsrede halten darf.
Und wenn Kermani sich in seiner Rede auf die Männer vom 20.Juli beruft, hat er auch sie nicht einmal näherungsweise verstanden. Ihr tiefer Konflikt, von dem ein selbstgerechter Schriftsteller wie Kermani offensichtlich nichts weiß, war genau der zwischen Gewissen und Recht – und nicht zu vergessen, ihrem Eid. Sie wußten, sie waren im Unrecht. Doch ihr Gewissen gebot, dem Unrecht zu folgen. Hatten sie deshalb ein gutes Gewissen? – Wer auf diese Frage eine Antwort sucht, wird das Dilemma verstehen, in dem sie sich befanden. Der geschworene Eid bedeutete etwas. Sie standen zu ihrem Wort.
Kermani kennt keinen Eid. Er kennt nur seine billige, selbstzufriedene Meinung. Damit aber wird er der Lage – der Vereidigung von Rekruten der Bundeswehr – nicht gerecht. Navid Kermani hat an einem solchen Ort nichts zu suchen. Der Anlaß hat besseres als diesen Propagandisten verdient; und die jungen Rekruten sowieso; etwa Zeilen wie diese:
Calm fell. From Heaven distilled a clemency;
There was peace on earth, and silence in the sky;
Some could, some could not, shake off misery:
The Sinister Spirit sneered: 'It had to be!'
And again the Spirit of Pity whispered, 'Why?'
Ruhe befiel. Vom Himmel destillierte Gnade;
Es herrschte Friede auf Erden, und am Himmel Stille;
Einige konnten, einige nicht, das Elend abschütteln.
Der dunkle Geist grinste: ›So muß es sein!‹
Und der Geist des Mitleids flüsterte: ›Warum?‹
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